Zuerst einmal etwas Neues aus dem Süden Victorias, der Sommer ist da. Nach einem, für unsere Verhältnisse, sehr langen und kalten Winter mit mehreren Tagen unter Null Grad, folgte der kälteste und nasseste Frühling, den ich hier je erlebt habe. Im Grunde hat es fünf Wochen lang durchgehend geregnet, die Wassertanks sind schon längst übergelaufen und vor allem – es wächst nichts, außer dem Unkraut. Selbst in meinem Gewächshaus sehen die Tomaten kurz vor Weihnachten mickrig aus, es fehlt einfach an Sonne und Temperatur. In Australien hatte es den kältesten Sommeranfang seit 29 Jahren und das nach dem trockensten Sommer der letzten 50 Jahre. Man sieht, der Klimawandel macht auch vor uns nicht halt. Nun aber ist der Sommer da, wir haben die ersten Tage jenseits der 30 Grad, aber ab Samstag soll es schon wieder Richtung 14 Grad abkühlen, verrückt. Aber nun gut, wir können es nicht ändern und müssen es so nehmen, wie es ist.
Aber nun zu einem anderen Thema, ein Thema, welches seit einigen Tagen die Schlagzeilen der Welt beherrscht, hier in Australien natürlich noch deutlich intensiver als im Rest der Welt, das Bondi Massaker. Zwei Männer, Vater und Sohn, offenbar pakistanischer Herkunft, haben am ersten Tag des Hanukkah-Festes mindestens 15 Menschen bei einem geplanten Amoklauf erschossen, darunter einen Holocaust-Überlebenden und die 10-jährige Mathilda. Ich kann an dieser Stelle nur wiedergeben, was ich mitbekommen, aus TV-Nachrichten und aus Gesprächen mit australischen Nachbarn und Freunden – die Australier sind komplett traumatisiert. Nicht in ihrem schlimmsten Träumen hätten sie, die so offen, freundlich und multikulturell sind, sich vorstellen können, dass sie das trifft, was in vielen Teilen der Welt fast schon alltäglich geworden ist. Ich selbst war bisher zweimal am Bondi Beach, das letzte Mal vor 7 Jahren mit meinen Eltern und meiner Tochter, Bondi ist in Australien ebenso ikonisch wie Uluru oder die Twelve Apostles hier bei mir um die Ecke und wurde wahrscheinlich aus dem Grund ausgewählt.
Im Zuge der Ereignisse mache ich verschiedene Beobachtungen. Ich sehe die fassungslosen und zutiefst getroffenen Australier und sehe den Unterschied zu mir als Deutschen, der in Deutschland bereits seit mehr als 10 Jahren mit Betonpollern vor Weihnachtsmärkten, Gruppen-Vergewaltigungen, mehr als 50 Messer-Attacken pro Tag und einer permanenten Bedrohung durch Menschen, die unsprünglich einmal als Gäste geplant waren, zu leben hatte. Man selbst gerät in die Gefahr, abzustumpfen, weil es fast schon zu erwarten ist, das so etwas wieder passiert, dagegen haben die Australier, die ihr letztes „Mass shooting“ 1996 in Port Arthur auf Tasmania erleben mussten und danach die Waffengesetze drastisch verschärft hatten, ihre Unschuld verloren, weil sie sich sicher gefühlt hatten und nun zur Kenntnis nehmen müssen, dass sie es nicht sind. Australien wird nach Bondi nicht mehr das gleiche Land sein, es werden politische Konsequenzen gefordert, es wird unter Garantie eine Veränderung der Einwanderungs- und Visa-Politik geben, vieles von dem, was Australien so anders als beispielsweise Deutschland gemacht hat, wird kleiner und fragiler werden. Die Australier, extrem offen allen Kulturen und Religionen gegenüber, werden mißtrauischer werden und damit einen Teil ihrer eigenen Kultur verlieren